Between the lines

Die Männer machen sich auf den Weg durch die Stadt zum Haus eines Freundes, bei dem Johns Frau und Tochter untergebracht sind. Sie vermeiden die Absperrungen, schleichen durch zerstörte Viertel, an vielen Stellen sind „No go areas“ ausgewiesen, die Hinweise sollen die nordirische Polizei (RUC) am Betreten der Bezirke hindern. An der Free Derry Corner steht: „You are now entering Free Derry“. Donald erkennt die Stadt nicht wieder. Sie beobachten aus der Ferne wie englische Soldaten gewaltsam in Wohnungen eindringen und nach Waffen suchen. John erklärt, dass nach den Übergriffen der Loyalisten, die oft von der Polizei unterstützt wurden, die IRA wieder erstarkt sei. Vor allem Freunde aus den USA hätten dazu beigetragen. Als die britische Armee im letzten Jahr die katholischen Viertel brutal nach Waffen durchsucht hätte, sei die Unterstützung für die extremere Provisonal IRA (P-IRA) gewachsen. Donald will wissen, auf welcher Seite John steht. John zuckt die Schultern, meint D. solle sich die Sache doch anschauen, die heutige Demonstration gegen die Internierungen sei vollkommen friedlich verlaufen. Er selbst habe ja gesehen, wer auf Unbewaffnete geschossen habe, ob D. wirklich glaube, neutral bleiben zu können. Die Engländer hätten letztes Jahr ein Ausnahmegesetz erlassen, das die Behörden ermächtigt, Verdächtige ohne Gerichtsurteil zu verhaften und zu internieren, natürlich würden sie fast nur Katholiken internieren. John beendet seine Ausführungen mit der Bemerkung, dass die britischen Soldaten zunächst sogar als Retter, zumindest als Puffer gegenüber den Protestanten begrüßt worden seien.

Trotz aller Vorsicht wird John aus der Ferne von einer Streife der RUC, der nordirischen Polizei, erkannt. Zum Glück werden die Polizisten von einer Schießerei abgelenkt. John und Donald erreichen ihr Ziel und wähnen sich in Sicherheit. Neben Keanes Frau und seiner vierzehnjährigen Tochter Maura befinden sich noch etliche andere in der Wohnung. Ein bewaffneter Mann steht am Fenster und beobachtet ständig die Strasse. Andere Männer diskutieren die Ereignisse des Tages. Einer erzählt wie er vor einem Jahr „in Verwahrung“ genommen wurde:

„Bei einem Tanz wurde der Saal eines Abends von britischen Soldaten umstellt. Es war meine erste Verabredung mit einem Mädchen namens Carmel McShane. Männer und Frauen wurden voneinander getrennt, und wir wurden einzeln nach draußen gebracht und an einer Wand aufgereiht. Von einem gepanzerten Fahrzeug strahlte uns ein Suchscheinwerfer an. Drinnen rief ein Soldat, offenbar in Gesellschaft eines Spitzels: ‚Lass ihn gehen!‘ oder ‚Festhalten!‘ Mit siebzig anderen wurde ich verhaftet und gerade gewaltsam auf die Ladefläche eines Armeejeeps verfrachtet, als Carmel hinzukam und protestierte. Sie rief mir zu:‘He! Wie soll ich jetzt nach Hause kommen?‘ So sind die Frauen!“ (nach Danny Morrison, einem ehemaligen IRA- Strategen über seine erste Internierung 1971)

Einige der Anwesenden lachen, anderen bleibt das Lachen im Halse stecken, sie fordern John auf, einen Gegenschlag vorzubereiten. John bittet die Freunde um Geduld, er weist darauf hin, dass das Geschehene nicht unbemerkt geblieben sei – überall sei die Presse gewesen. Das Unrecht der Engländer würde der ganzen Welt bekannt werden und sie würden sich verstecken wie Ratten vor den Katzen und dann, wenn sie glaubten, dass alles ruhig sei, dann würden sie schon sehen. Jetzt sollten erstmal Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht werden.

Einige Blocks weiter stehen zwei Männer neben einem Wagen und ziehen sich Priestersoutanen über.

Die Gruppe mit den Brüdern Keane und den Frauen, macht sich bereit, das Haus zu verlassen. Der Wächter am Fenster bemerkt, dass sich ein Auto nähert, aber er gibt Entwarnung, als er darin zwei Priester sieht. Keane geht voran und öffnet die Tür. Der Wächter ruft eine Warnung, aber es ist zu spät. Einer der vermeintlichen Priester schießt aus dem fahrenden Wagen heraus auf John. Die vierzehnjährige Maura steht unmittelbar hinter ihm.

Auf dem Weg nach Hamburg

Auf dem Schiff sitzt Maura schweigend neben Donald, er drückt tröstend ihre Hand.
Er fragt, ob es in Ordnung wäre, dass die Mutter nicht mitgekommen sei. Maura nickt schweigend. Donald erklärt, da er sie jetzt nach Deutschland mitnehme, brauche sie keine Angst zu haben. Dort sei es zurzeit friedlicher. Sie könne so lange bei ihm in Deutschland bleiben wie sie wolle, vielleicht würde sich die Situation ja auch bald beruhigen.

Hamburg, 12. Mai 1972

Maura fährt mit ihrer Freundin Julia auf Fahrrädern durch die Stadt. Vor einem Kiosk hält Maura an. Die Schlagzeilen der Zeitungen haben einen Bombenanschlag der RAF auf das US-Hauptquartier in Frankfurt zum Thema. In gebrochenem Deutsch liest Maura. „Bom…ben…anschlag auf US-Haupt…quartier.“ Julia hilft ihr den Rest des Textes zu lesen. Julia fragt Maura, warum sie sich dafür interessiere. Maura antwortet der verwunderten Freundin: „Shit happens everywhere. Let´s have fun!“

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