sarahszweifel

Sarahs Zweifel (Roman)

Ein flüchtiger Blick in den Spiegel reichte. Schließlich ging es ihr nur darum festzustellen, ob etwas an ihrem Aussehen nicht stimmte. Vielleicht die Haare auf der linken Seite hinter das Ohr. Das war’s. Sie wusste, dass sie bereits ohne großen Aufwand recht ansehnlich war. Es war auch nicht ihr Ding, sich aufzustylen, besonders nicht für eine Klavierstunde bei Jörg. Eine letzte Entscheidung stand an: Pumps oder bequeme Halbschuhe? Das war eigentlich auch keine Frage. Wann hatte sie die Pumps eigentlich das letzte Mal getragen? Das musste schon eine Weile her sein. Und es musste während des Semesters in Hamburg gewesen sein. Warum standen sie dann hier? Rechnete sie damit, sie hier in Hemmersberg bei irgendeinem Anlass tragen zu können oder zu müssen?

Sie wollte sich noch von Vater verabschieden und auf dem Weg zu seinem Arbeitszimmer musste sie lächeln, als sie an das Geheimnis ihrer Schuhe dachte. Im Vergleich zu den Geheimnissen, mit denen er zu tun hatte, war es einfach lächerlich. Er erstellte Gutachten über Krisengebiete, reiste auch oft dorthin, um die reale Infrastruktur der Länder mit den offiziellen Angaben derer zu vergleichen, die von der Bundesrepublik eine Waffenlieferung erhofften. Sein Arbeitszimmer wurde von mehreren Bücherregalen dominiert. Nur eines war den Klassikern der Literatur und bedeutenden aktuellen Büchern vorbehalten. In den anderen befanden sich Sachbücher mit Titeln wie „Risks and Security“, „Revolution and Human Rights“ oder „International Conflicts“. Sie hatte oft in diesen Bücher geblättert aber nie den Überblick bekommen und leider durfte er ihr auch nicht alles mitteilen. Dennoch reichte das, was er erzählte, wenn er von seinen Reisen zurückkehrte allemal, um sie, ihren Bruder Sebastian und die Mutter zu beeindrucken.

Aber leider hatten sein Beruf und wohl auch der Auszug von ihr und Sebastian dazu geführt, dass die Mutter eine Nervenkrise bekam. Obwohl sie VHS-Kurse besucht, Malen und sogar Schreiben begonnen hatte, konnte sie ihr Leben alleine nicht sinnvoll gestalten. Morgen sollte sie nach sechswöchigem Klinikaufenthalt wieder entlassen werden. Hoffentlich ging es ihr dann etwas besser.

Im Arbeitszimmer des Vaters mochte Sarah besonders die japanischen Aquarelle und die asiatischen Skulpturen, die zwischen den Regalen standen. Und natürlich den Vater, der, wie erwartet, am PC saß. Wie so oft lief ein Stück von Paolo Conte.

Berghoff zog an seiner Pfeife und hatte Sarah nicht bemerkt. Sie räusperte sich.
„Sarah! Schön, dich zu sehen. Tut mir leid, dass ich heute arbeiten muss. Dein letzter Tag.“
„So kann ich noch eine Klavierstunde nehmen. Ist schon recht.“
„Brauchst du diesen Heidfeld eigentlich noch? Du spielst bestimmt schon besser als er.“
„Dazu bräuchte ich noch Jahre.“
„Na, wenn es dir Spaß macht.“
„An was arbeitest du gerade?“, fragte sie.
„Das Übliche. Jemand braucht dringend ein Gutachten, damit er eine Exportzulassung für das Land erhält.“
„Was ist, wenn du dich irrst?“
„Ich darf mich nicht irren.“
„Was täte die Welt ohne dich?“
„Dann würde es jemand anders machen.“
Sarah gab ihm einen Kuss auf die Wange, dabei schielte sie sie auf den Monitor und grinste, als sie darauf ein harmloses PC-Spiel sah.
„Ciao, Dad. Bis heute Abend.“
„Ja, jetzt wärst du beinah Geheimnisträgerin geworden.“
Sarah ging und winkte ihm lächelnd zu. Sie konnte ihn einfach nicht austricksen. Sie mochte ihn.
Berghoff öffnete wieder die Textseite, an der er gearbeitet hatte.

Sarah wunderte sich, wie mühelos sie diesmal die Fuge spielte. Es war das erste Mal, dass sie nicht darüber nachdachte, was sie falsch machen könnte, obwohl Jörg hinter ihr stand. Sie genoss es einfach, sich der Musik hinzugeben. Vielleicht war das möglich, weil es die letzte Stunde war, bevor sie wieder nach Hamburg zurückkehrte. Nur gegen Ende wurde sie ein wenig nervös, denn sie ahnte, was dann passieren würde. Jörg Heidfeld würde ihr über die Haare streicheln, dann über Rücken und Schulter und dann würde er sie küssen oder zunächst ihre Brüste umfassen. Eine Prozedur, die sie sonst auch selbst genoss. Nur irgendwie heute nicht, heute war die Musik wichtiger. Wie geahnt, legte Heidfeld nach der letzten Note seine Hand auf ihre Schulter. Wahrscheinlich ließ er diesmal die Haare aus, weil sie das zu sehr zum braven Kleinkind gemacht hätte. Also hatte ihr Spiel auch ihn beeindruckt.
„Das hatte Klasse, Sarah!“, sagte er.
Sarah streichelte seine Hand, die auf ihrer Schulter lag. „Danke, aber lass mich es bitte noch einmal spielen.“
„Aber …“
Und sie begann das Stück von vorne. Es gab ihr ein wenig Zeit, denn sie wusste, dass sie ihm später den weiteren Kontakt und den Aufenthalt in seinem Schlafzimmer nicht abschlagen würde. Sie hatte sich oft gefragt, warum das eigentlich so war. Gut, Heidfeld war attraktiv und stand im Bett seinen Mann, aber er war nun mal zwanzig Jahre älter als sie. Es war einfach so, dass sie sich nicht vorstellen konnte, sich mit einem jüngeren Mann einzulassen. Dann hätte ihr etwas gefehlt. Sie hätte sich nicht sicher, nicht aufgehoben gefühlt. Genau! Wie kann man sich bei einem vielleicht Fünfundzwanzigjährigen aufgehoben fühlen? Er hätte keine wirkliche Lebenserfahrung und keine Routine. Nein das konnte nicht funktionieren. Ein Mann musste ein Mann sein, mit allem, was dazu gehört. Ein Mann wie ihr Vater einer war. Und Heidfeld war im selben Alter wie ihr Vater. Allerdings hatte sie sich vom Sex, den sie bei Heidfeld erlebte, mehr erhofft. Er machte nach ihrer Meinung alles richtig, hatte Ausdauer und sogar Einfühlungsvermögen, das darin bestand, sie ab und an zu fragen, was sie denn bevorzuge. Aber sie ahnte, dass es da noch etwas geben musste, was ihr Heidfeld nicht geben konnte. Sie hatte kaum Vergleichsmöglichkeiten. Da war die Sache mit Blue aus ihrer WG. Sie hatten miteinander geschlafen, nachdem er sein Coming Out hatte. Er war im selben Alter wie sie, aber mit einem Jungen zu schlafen, dem gerade bewusst geworden war, dass er homosexuell ist, war nun wahrlich keine Referenz.
„Sarah, Süße. Geht es dir gut?“, fragte Heidfeld, während er ihre Brüste etwas abwesend streichelte.
„Aber ja. Es war sehr schön.“
„Sag mal, meinst du nicht, wir sollten unsere Beziehung auf eine feste Basis stellen?“
„Nun werde nicht sentimental. Wir haben eine Vereinbarung, keine Verpflichtungen.“
„Warum eigentlich?“
Sie setzte sich auf und bedeckte ihren Oberkörper mit der Bettdecke. „Weil ich mir nichts anderes vorstellen kann. Entweder du akzeptierst oder nicht.“
Heidfeld drehte sich beleidigt weg. „Bin ich dir zu alt?“
„Nein, das weißt du.“
„Was ist es denn?“, fragte er.
„Das ist eine gute Frage“, sagte sie und streichelte – nein, rieb kurz – sozusagen um Verzeihung bittend, seinen Oberschenkel. „Ich weiß es einfach nicht, ich weiß nur, dass es nicht richtig wäre,  wenn wir uns festlegen würden. Tut mir leid!“
Sie stand auf und begann, sich anzuziehen. „Ich glaube, ich gehe besser.“
Auch Heidfeld stieg aus dem Bett.
„Sarah! Nun warte doch!“
Sie zog sich weiter an. „Ich melde mich aus Hamburg“, sagte sie und ging zur Tür. „Außerdem bist du verheiratet!“

Während sie auf ihrem Rad nach Hause fuhr, kämpfte sie mit den Tränen. „Was ist los mit mir?“, fragte sie sich. „Warum fühle ich mich zu Heidfeld hingezogen, obwohl ich weiß, dass wir beide keine Zukunft haben?“

Sie stellte ihr Rad in die Garage und schloss das Garagentor. Sie nahm ihren Schlüssel aus der Jackentasche und ging zur Haustür. Dann schüttelte sie plötzlich den Kopf. Es war ihr nicht möglich, dem Vater gegenüber zu treten, der sie fragen würde, wie es denn gewesen sei. Sollte sie ihm sagen, dass sie eine gedankenlose, in ihren Augen harmlose Affäre mit ihrem Klavierlehrer hatte und der plötzlich ernsthafte Ambitionen entwickelte? Sie setzte sich vor das Garagentor auf den Boden, winkelte die Beine an und ließ den Kopf mutlos auf die Knie sinken und umfasste diese mit den Händen. Sie musste mit jemand reden und ihr fiel auch gleich ein, wer es sein konnte. Obwohl sie bereits am nächsten Tag nach Hamburg zurückkehren würde, rief sie mit dem Handy ihre Mitbewohnerin und beste Freundin Vera an. Es war ihr gleich, was Vera sagen würde. Wahrscheinlich: ‚Schieß den Typen zum Mond!’ Dort, wo Sarah zweifelte oder haderte, konnte Vera sehr direkt sein. Aber reden würde auf jeden Fall helfen.

Nach dem Gespräch, bei dem Vera wie erwartet reagiert hatte, war es Sarah wirklich besser gegangen und sie konnte ins Haus gehen. Es war zudem hilfreich, dass ihr Vater telefonierte und sie ihm nur kurz zuwinkte, bevor sie auf ihr Zimmer ging. An ihrem letzten Abend hätte sie vielleicht auch erwartet, dass sie noch einen Abschiedstrunk nehmen würden. Auf der anderen Seite hatten sie, so oft sie konnten, zusammen gesessen und es war vereinbart, dass er sie am nächsten Tag zum Bahnhof bringen würde. Sie hatte die Zeit mit ihm genossen, wenn auch die Tatsache, dass die Mutter erkrankt war, ein wenig die Stimmung trübte. Allerdings glaubte Sarah, dass die Anwesenheit der depressiven Mutter noch belastender gewesen wäre. Sie hatten sie mehrfach in der Klinik besucht, allerdings war den Angehörigen erst zwei Wochen nach der Einweisung ein Besuch gestattet.  Es war schon beeindruckend, wie der Vater sich trotz seiner beruflichen Verpflichtungen oft Zeit genommen hatte, um sich um Mutter zu kümmern, die sich immer mehr abgekapselt hatte. Sie selbst hatte trotz vieler Versuche die Mutter wesentlich schlechter erreichen können, es war beinah so, als ob die Mutter auf das gute Verhältnis zum Vater eifersüchtig gewesen wäre.

Sarah und Berghoff standen auf dem Bahnsteig und sie strich über das Revers seiner Anzugsjacke. „Vielen Dank, fürs Bringen, Dad.“
„Keine Ursache. Schade, dass es vorüber ist.“
„Ja, das finde ich auch. Aber du willst ja, dass aus mir etwas wird.“
„Habe ich das so gesagt?“, knurrte Berghoff in seinen Bart. „Willst du es nicht auch?“
„Was müsste eine brave Tochter jetzt antworten?“, fragte Sarah.
„Einfach: ‚Ja!’“
„Danke für den Tipp!“
Sie lachten, wie sie es oft taten, wenn sie sich über ihre Rollenverteilung des strengen anspruchsvollen Vaters und der braven Tochter amüsierten.
„Dabei erschauere ich vor den Abgründen, die sich vor dir in der Großstadt auftun werden.“
„Oder, die ich auftun werde!“
Auf Sarahs Antwort hin lächelte Berghoff nur und nahm sie in die Arme. „Pass auf dich auf, Kleine!“
„Du auch, Großer! Was machst du denn heute noch?“
„Tagsüber werde ich noch arbeiten und am Abend hole ich Mutter aus der Klinik ab. Dann machen wir einige Tage Urlaub.“
„Grüß Mutter von mir und erholt euch gut!“
„Mach ich! Take care!“
„I’ll do!“
Der Zug fuhr ein.

Berghoff ging durch den langen Flur eines Hochhaus-Rohbaus. Es war ein ungewöhnlicher Ort, den sein Informant gewählt hatte. Anscheinend fühlte er sich nur hier sicher. Es war nur dumm, dass er selbst gar nicht wusste, um was es ging. Am Telefon hatte jemand von „…very important informations concerning an actual weapon deal“, gesprochen. Die Bundesrepublik lieferte Waffen in mehrere Länder und seine Aufgabe, war es zu überprüfen, wie krisensicher es in den entsprechenden Regionen war. Konnten die Waffen zum Beispiel in die Hände von Aufständischen fallen? Bestand die Gefahr, dass der Vertragspartner die „Fronten“ wechselte und plötzlich auf Seiten eines Gegners des westlichen Bündnisses stand? Zurzeit arbeitete er für das Auswärtige Amt an einer Expertise über Israel, das von Deutschland die Lieferung und auch die Finanzierung von zwei Kriegsschiffen erwartete. Es wurden bereits zwei Dolphin-U-Boote geliefert und ein drittes war im Bau. Der Export von Marinewaffen wurde in der Regel großzügig genehmigt, da sie in Bürgerkriegen keine große Rolle spielen konnten.

Er durchschritt den langen Gang ohne einen Hinweis auf irgendjemand oder irgendetwas wahrzunehmen. Plötzlich hörte er aus einem Raum zur Rechten eine Stimme:
„Mr. Berghoff! Here!“
Berghoff begab sich in den Raum. Vor einer Fensteröffnung erkannte er nur die Silhouetten zweier Personen. In der Mitte des ansonsten leeren Raumes standen nur ein Koffer und eine Aktentasche. Er ging weiter.
„Stop. That’s near enough!“, ertönte die Stimme
“Here I am. What’s the matter?”
“You can help us with your report.”
“I’m not corruptible.”
“Your wife is ill and your daughter is studying.”
“I can cope with it.”
“O.k., if you don’t want money, you should take some information. They’re in the briefcase.”
“Why should I?”
“It could be interesting. Something about your client, the Ministry of Foreign Affairs.”
Berghoff war ziemlich konsterniert, blickte abwechselnd auf die Tasche und die Personen im Gegenlicht.
“Who are you?”, fragte er.
“I thought you knew”, antwortete die Stimme.
“Are you authorised by your government?”
“Don’t care about this. Just take the briefcase.”
“Who are you?”, fragte Berghoff erneut.
“Someone who wants you to do the right decision. That’s it.”
“Can I open it here?”
“You don’t trust us? O.K, if you want.”
Er öffnete den Koffer und sah einige Schnellhefter.
“Only some folders!”

In seinem Arbeitszimmer öffnete Berghoff erneut den Koffer von der Baustelle. Er nahm eine der Akten, die sich darin befanden, heraus und blätterte darin. Schließlich schüttelte er fassungslos den Kopf und griff zum Telefon. Er wusste, dass er unter dieser Nummer immer jemanden erreichen konnte.  „Berghoff hier. Ich möchte dringend Staatssekretär Braumüller sprechen. … Nein, es hat keine Zeit. Es geht um das Projekt Chamäleon.“ Er wurde verbunden. „Hallo Klaus, Lutger hier. Ich würde dich nicht stören, wenn es nicht dringend wäre. … Ja. Wir müssen uns unbedingt sehen. … Gleich morgen früh? Einverstanden. Gut, bis dann.“

Er tippte einen Text in den PC, speicherte ihn auf einem Stick und löschte die Textdatei auf dem PC.

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