hausfreunde

Hausfreunde

Was bedeutet heutzutage der Begriff „Heimat“ – oder das sanfte Einschleichen des Rechtsradikalismus?

Ein Haus mit drei Etagen. Der Bildhauer und Kunstlehrer Rauhball und seine Frau wohnen im Parterre und haben Freunde zu einem routinemäßigen Abendessen eingeladen. Darunter ein Autor, ein Soziologe und ein Journalist. Die soeben in der zweiten Etage neu eingezogenen Studenten: Miriam aus dem Senegal, ein deutscher und ein russischstämmiger Kommilitone, werden kurzerhand auch eingeladen.   
Die Gespräche werden von intellektuellen Anekdoten, Geplänkel, Konkurrenz- und Standesdünkel sowie Missverständnissen geprägt. Der Gastgeber versucht, durch seine kulinarischen Fähigkeiten den Schaden in Grenzen zu halten – ein Abend in einem multikulturell orientierten Akademikerhaushalt.
Aber es gibt im Haus noch eine dritte Etage.

 

Prolog

„Das habe ich so gesagt?“, wunderte sich Markus.
„Ich hab’s natürlich ein wenig überarbeitet“, erklärte Gabriel.
„Ein wenig ist gut, ich glaub wir müssen noch mal darüber reden.“ Markus schüttelte nach wie vor den Kopf. „Wenigs-tens hast du mich nicht zum kompletten Idioten gemacht. Zeig es bloß nicht Wladislaw.“
„Das war wirklich ein Problem, aber ist er nicht wirklich so?“, fragte Gabriel.
„Doch schon“, musste Markus eingestehen, „aber … ich weiß nicht.“
„Herbert? Bist du zufrieden?“
„Zufrieden? Ich erkenne mich wieder, ja schon. Leider muss man wohl sagen.“
„Miriam?“
„Ich bin ruhig, ganz ruhig.“

Herbert 

Es gibt Weniges, das mein inneres Gleichgewicht erschüttern kann – die Ereignisse dieses Tages sollten schließlich auch dazu gehören.
In der Regel gelte ich als der Fels in der Brandung, um die-ses klischeehafte, aber stimmige Bild zu verwenden. Schon meine äußere Erscheinung unterstützt diese Einschätzung. Meine kräftige und große Statur ist ein Geschenk der Natur, die Leibesfülle ist auf meine Vorliebe für ausgiebige kulinari-sche Experimente zurückzuführen. Für die Länge der Haare und den Vollbart ist mein Selbstbild zuständig, das letztlich darin besteht, mich als zeitlosen Künstler zu sehen. Meine stoische Gemütsruhe habe ich wohl zum größten Teil mei-nem Material, meinem Werkstoff zu verdanken – dem Stein. Er ist das Urelement der Form, und ich bin ihm immer treu geblieben. Alles andere wäre für mich ein Sakrileg. Der Stein, ob Diabas, Marmor oder Muschelkalk lehrt mich die Dinge in den richtigen Relationen zu sehen. Mir ist jegliche Unterwer-fung unter gängige Moden und Trends zuwider. Das gilt so-wohl in Bezug auf meine modischen Kriterien als auch in Hinblick auf meine künstlerische Tätigkeit. Im Grunde habe ich mich seit Anfang der 70er Jahre kaum verändert, wenn auch die Qualität und der Preis der Kleidung meinem Ein-kommen als einigermaßen erfolgreichem Bildhauer und be-amtetem Kunstlehrer entsprechen. So sehr ich bei meinen künstlerischen Arbeiten jedwede Auseinandersetzung mit ak-tuellen gesellschaftlichen Themen bewusst vermeide – die Inspiration schöpfe ich aus einer archaischen Quelle, die be-ständiger ist als kurzlebige gesellschaftliche Manifestationen – so sehr bemühe ich mich, meinen Schülern die Funktion der Kunst in eben diesem Kontext zu vermitteln. Denn nach wie vor gilt Kunst bei den meisten Schülern als eher lockeres Nebenfach, indem sie sich gerne von den Anstrengungen des Schulalltags erholen. Wer sollte es ihnen verdenken, wenn selbst die Schulbehörden ihre Geringschätzung des Faches dadurch dokumentieren, dass sie jahrelang fachfremde Leh-rer, bunte Bildchen malen und Collagen kleben lassen. Die meisten Schüler vergleichen Kunst zudem mit einem Fußball-spiel. Die Spieler strengen sich an, aber es ist nicht klar, ob man ein Tor erzielen wird. Diese Haltung wird sich trotz mei-ner Bemühungen nicht von heute auf morgen ändern, aber ich versuche es immer wieder.

Miriam
Hätte ich es mir nicht einfacher machen und mir zwei nette Frauen als Mitbewohnerinnen aussuchen können? Vielleicht steife Engländerinnen, die ich mit Gruselstorys von Men-schenfressern und wilden Tieren immer wieder zu verzückt hysterischem Gekickse gebracht hätte. Oder zwei lesbische, schneealpengebräunte bayerische Schönheiten, die mich ständig engumschlungen um meine noch dunklere Hautfarbe beneideten und vielleicht von der Eroberung Afrikas träum-ten. Vorstellbar wäre auch eine Kombination von einer blon-den, gutbürgerlichen Hanseatin aus einem vornehmen Han-delsgeschlecht und einer stoppelrothaarigen, sommerbe-sprossten Berliner Sonderschullehrerin, die durch meine postsozialistischen Wehgesänge animiert, schnurstracks ei-nen DVU-Ortsverband gegründet hätten.

Nein, ich will meine Ruhe haben und habe mich spontan für die beiden Jungs entschieden, als ich sie das erste Mal sah. Bis auf wenige Details sind sie genauso, wie ich sie mir vor-gestellt habe. Irgendwie unverbiegbar, sie lassen sich weder von meinen Stimmungsschwankungen noch von meinen zahlreichen illustren Freunden von ihrem, wie auch immer gearteten, Weg abbringen. Ich suchte ja auch keine Männer fürs Leben oder fürs Bett, sondern Mitbewohner. Es war mir einfach nicht möglich in einer so großen Wohnung alleine zu leben, einfach zu peinlich. Ich hasse Luxus – das stimmt nicht ganz. Ich mag vieles und gebe auch Geld dafür aus z.B. für Reisen und für gute Bücher, ich mag nur nicht mehr besitzen, als ich brauche. Natürlich ist es auch ein Privileg, dass ich die Wohnung so schnell bekommen habe. Ein Anruf bei meinem Vater, der viele Freunde in Deutschland hat, genügte und schon bald erfuhr er von van Helen, mit dem er oft im Sene-gal zusammengearbeitet hat, dass diese Wohnung frei wür-de. Zunächst lehnte ich sie wegen der Größe ab, aber mein Vater bestand darauf, so könne er auch einmal van Helen besuchen oder irgendein Mitglied meiner weit verzweigten Familie könne hier Station machen. Also willigte ich ein; doch schon bald wurde mir klar, dass ich es alleine nicht aushalten würde. Niemand meiner Freunde kam in Betracht, denn sie sollten meine Freunde bleiben. Außerdem brauchten sie nicht zu erfahren, dass ich augenblicklich eine Identitätskrise durchlebte. In Paris war es für mich als Farbige problemloser, nicht, dass es dort keinen Rassismus oder keine Rechten gab, aber selbst die nationalen Arschlöcher sind seit Jahren an die Maghrébins, die Nordafrikaner gewöhnt und ihnen rutscht nicht gleich das Herz in die Hose, wenn sie einen Af-rique sehen. Im Gegensatz zu Michael Jackson war ich stolz auf meinen Teint und hab mich immer nur mit Jungs einge-lassen, die noch dunkler waren als ich. Viele von denen ha-ben vergessen, dass sie eine andere Hautfarbe haben, oft musste ich ihnen in den Hintern treten, damit sie sich wenigs-tens zu irgendwelchen Solidaritätsveranstaltungen aufrafften, wenn´s mal wieder um Abschiebungen ging. Aber hier ist al-les anders. Selbst die aufgeklärten Weißen reden mit uns als müssten sie uns ihre Sprache erst beibringen, langsam, be-dächtig, aufgesetzt hilfsbereit. Aber noch schlimmer sind die Nigger selbst – ich darf sie so nennen – viele sind entweder überangepasst und buckeln wie Sklavennigger oder ziehen sich aus Frust zurück. Und so habe ich mir zum ersten Mal einen Weißen als Freund angelacht, der sich bemüht, mich nicht merken zu lassen, dass er sich bemüht. Verdammt! Es ist nicht mehr so einfach wie in Paris.

An diesem Tag ging ich also einkaufen. Das hatte nichts mit meiner Rolle als Frau in unserer Wohngemeinschaft zu tun, sehr wohl aber mit meiner Abneigung gegen den ständig gleichen Pizzafraß meiner Mitbewohner. Sie, als Vertreter der so genannten zivilisierten Welt, assimilieren die Küche eines südeuropäischen Landes in Fastfoodversion und fühlen sich als haben sie den kulturellen Pluralismus erfunden.

Vielleicht, dachte ich, gab es ja in der Innenstadt frischen Karpfen im Angebot.

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