durch und durch

Durch und durch

Ein historischer Roman aus der Nachkriegszeit. Bis auf den Prolog ist die Handlung im Jahre 1953 angesiedelt. 
Die junge Lisa lebt während des Krieges auf dem Hof ihrer Eltern im Sauerland. In der Abgeschiedenheit der ländlichen Idylle, geht sie ihrer Leidenschaft nach und malt. Dann wird im vorletzten Kriegsjahr ihr künftiger Verlobter Herbert entgegen alle Erwartungen noch eingezogen und gerät später in Kriegsgefangenschaft. Lisa verliert das Interesse an der Malerei.
Nach dem Krieg beginnt sie eine Lehrerausbildung, die sie 1953 abschließt. Sie erhält eine Stelle an einem Düsseldorfer Mädchengymnasium. In Düsseldorf lernt sie den Kunstlehrer und Galeristen Nollendorf kennen und wird erneut mit dem Thema Kunst konfrontiert. Als ihr Verlobter aus der Gefangenschaft zurückkehrt, ist ihr klar, dass sie sich ein Leben an seiner Seite als Hausfrau und Mutter nicht mehr vorstellen kann.
Ihre wachsende Begeisterung für die Malerei und ein Eklat an ihrer Schule, in den auch ihre Schülerin Marion involviert ist, bringt sie dazu, den Schuldienst zu quittieren und gemeinsam mit Nollendorf nach Italien zu emigrieren. Die Schülerin Marion begleitet sie.
In Italien wird Lisa zu einer anerkannten Porträtistin und Marion entdeckt die Fotografie für sich.

 

1944 – Gut Hollstein 

Es wird bald vorbei sein. Ein Tupfer Blau. Herbert ist der Richtige und er hat Glück. Es wird bald vorbei sein. Er riecht so herb, angenehm herb, nicht wie alter Schweiß, nicht wie Knecht Alfred. Die Felder – mehr Braun. Es ist schon geerntet. Ein Herbstbild. Dieses Licht! Durch die aufsteigende Feuchtigkeit verwischen die Konturen. Ja, sie hat gehört von den Impressionisten. Sie, die nie so malt, heute ist sie eine Impressionistin. Wie lange noch?
„Jetzt ziehen sie auch die ganz Jungen und die Alten.“ Bauer Hollstein schüttelt heftig den Kopf. Vor sich hält er den „Völkischen Beobachter“. Die Ärmel hochgekrempelt hält er das Blatt weit von sich, als wolle er es nicht an sich heranlassen. Er liest: „Deutsche, wir müssen kämpfen und alle Kraft aufbieten.“
Die Frau blickt auf. „Herbert“, fragt sie mit flacher, kraftloser  Stimme. „weiß Lisa es schon?“
„Ich habe ihr gesagt, dass Alfred vergessen hat, die Zeitung zu holen. Herbert wird es ihr wohl heute selbst sagen.“
„Wie lange noch?“, fragt sie, ohne mit einer Antwort zu rechnen.

Lisa tupft gerade braune und gelbe Blätter auf die Leinwand, als sie am Himmel eine Bewegung wahrnimmt: Schwäne im Schwarm. Weißgrau gegen Blau. Sie schüttelt den Kopf und dann malt sie sie doch, denn es wird bald vorbei sein.
In ihrem Zimmer stellt Lisa die Staffelei in die Ecke und das Schwanenbild zu den anderen, die aneinander gelehnt an der Wand stehen. Sie wechselt ihre Kleidung, tauscht Rock und Bluse gegen Baumwollhemd und Männerhose. Der Vater empfängt sie im Stall nur mit einem kurzen Nicken, fragt nicht, ob sie Glück hatte. Es liegt etwas in der Luft, aber was? Sie nimmt eine Forke und beginnt ihre Arbeit. Immer wieder blickt sie hoffnungsfroh zur Tür, was der Vater zur Kenntnis nimmt.

Herbert strampelt vergnügt gegen den Wind. Der Feldweg ist holprig und er muss oft den Unebenheiten ausweichen. Aber das macht er beschwingt und nahezu elegant. Schließlich hat er heute die frohe Botschaft bekommen. Was will ein Mann mehr? Endlich dabei! Schon vor dem Hof klingelt er und ruft nach Lisa.
Im Stall hören Lisa und der Vater Herberts Fahrradklingel. Lisa blickt fragend zum Vater, der wieder nur nickt. Sie läuft jedoch nicht auf den Hof, sondern durch die Hintertür ins Haus.
In der Küche steht die Mutter.
„Zieh doch dein neues Kleid an.“
„Das Neue? Ist was?“
„Nein, nein, nur so.“
Auch die Mutter ist heute anders, denkt Lisa. In ihrem Zimmer wäscht sie sich an der Waschschüssel und blickt zwischen-durch immer wieder durch das Fenster auf den wartenden Herbert. Aber sie nimmt nicht das neue Kleid.

Dann sitzt sie vor Herbert auf der Fahrradstange. Sie singen. Herbert weicht im letzten Moment vor einem Stein aus, das Fahrrad schlingert und Lisa jauchzt. Aber sie schaffen es, nicht umzustürzen. Am Rand einer Lichtung streicht Herbert ihr sanft über den Rücken. Lisa genießt es, bleibt aber in züchtiger Haltung und hält schließlich seine Hand fest.
„Ich kann es mir schon vorstellen: Wir werden in der Stadt wohnen, eine große Familie haben und …“
„Und …“?
„Endlich ins Theater, in die Oper, ins Museum gehen kön-nen.“
„Davon träumst du?“, fragt er skeptisch.
„Ja! Du nicht?“
„Wir sind im Krieg, Lisa.“
„Aber der wird doch bald vorbei sein. Und du wirst nicht be-langt werden können, weil du nicht dabei warst.“
„Doch, Lisa, ich werde dabei sein. Ich habe meine Einberu-fung erhalten.“
Lisa ist entsetzt. „Nein! Jetzt noch?“
„Ich bin stolz darauf, schließlich bin ich ein Mann!“
„Du bist ein kleiner dummer Junge, wenn du dich auf den Krieg freust. Du musst dich verstecken, es hat doch keinen Sinn mehr“, versucht sie es mit zitternder Stimme.
„Doch, Lisa, das hat es, wenn wir alle daran glauben.“ Her-bert steht auf, verschränkt die Arme. „Soll alles umsonst ge-wesen sein? Alles, was in den letzten Jahren wichtig war? Die vielen Opfer, die Entbehrungen, die Ideale. Unsere Auf-gabe ist eine ganz große!“
Lisa schüttelt den Kopf: „Das ist wohl nicht mehr so“, sagt sie und blickt ratlos von unten auf den Möchtegernmann, der sein Kinn, wie ein Soldat beim Befehlsempfang, entschlossen nach vorne streckt, der jetzt um soviel mehr ernster wirkt, als sie ihn kennt. Bald wird es vorbei sein, denkt sie wieder, aber diesmal beruhigt es sie nicht. Sie hat Angst.
„Lisa, ich tue nur meine Pflicht!“ Auch seine Stimme ist nicht mehr dieselbe.

Nun steht auch Lisa auf, blickt aus Verlegenheit auf die Lich-tung, weil sie nicht weiß, wie sie ihm begegnen soll. Sie als Soldatenbraut. Dann schaut sie ihm in die Augen, will es noch einmal versuchen. Vielleicht kann sie ihn doch umstim-men, ihn an die gemeinsame Zukunft erinnern. Oft hat ihr Blick ihn erweichen, von etwas abbringen können. Aber als sich ihre Blicke treffen, wird ihr klar, dass es diesmal anders ist.
„Es geht wohl nicht anders?“
Herbert schüttelt den Kopf.
Lisa umarmt ihn fest, sehr fest, will ihn halten, festhalten. Aber es ist, als ob sie einen Stein umarmt. Er lässt sich eher zerdrücken, als dass er weich wird und sie spürt.
„Wenn wir alle zusammenhalten, haben wir es bald geschafft. Wartest du auf mich?“
Obwohl es nicht der Herbert ist, den sie kennt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit „Ja!“ zu antworten.
„Versprochen?“, fragt er. Und jetzt liegt ein wenig Wehmut in seiner Stimme, als ob der Stein nicht alleine Stein sein kön-ne.
„Versprochen!“, sagt sie und fragt sich, ob es falsch war, es zu sagen. Vielleicht hat sie die winzig kleine Chance vorbei streichen lassen, ihn zurückzuholen. Aber es ist Krieg und der wird hoffentlich bald vorbei sein.

In der Küche wird schweigend gegessen. Hollstein, die Mutter und der Knecht Alfred widmen sich den Kartoffeln und dem Kohl. Fleisch gibt es nur sonntags. Lisa isst nicht, auch wenn die Mutter sie immer wieder sorgenvoll anblickt. Es ist Alfred, der ihre Portion bekommt.
„Warum isst Herbert nicht mit?“, fragt die Mutter.
„Er packt. Darf ich gehen?“, fragt Lisa und blickt den Vater an.
„Ja Lisa. Du brauchst heute nicht aufräumen. Heute nicht. Geh!“
In ihrem Zimmer ringt Lisa mit den Tränen, sie schaut sich ihre Bilder an. Vorwiegend Landschaften, aber auch zwei Porträts von Herbert. Sie nimmt das letzte Bild, das Bild mit den Schwänen und übermalt die Vögel. Schwäne passen nicht ins Bild. Vielleicht, wenn sie zurückkommen. Es bleibt eine leere Lichtung.

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